Erfahrungsbericht zum Cross Border Seminar (Budapest) in 2026

Das diesjährige Cross-Border-Seminar (CBS) fand vom 09.06. – 10.06.26 im wunderschönen Budapest statt und befasste sich mit dem Thema: „Guidance in a digital world“.

Foto der deutschen Delegation des CBS 2026 in Budapest (von links nach rechts: Dr. Prof. D. Mocigemba, Elena Manvelian, Fabien Stephan, Dominic Erfkamp). Die Personen stehen links und rechts von einem Euroguidance Roll Up und blicken in die Kamera.

Über 50 Euroguidance-Mitarbeiter, Netzwerkpartner, Beratungsfachkräfte und Bildungsexperten* aus verschiedenen Ländern präsentierten in vielen Workshops und zwei Key-Note-Vorträgen Ideen, Methoden und Erfahrungen hinsichtlich der aktuellen und zukünftigen Bedeutung und Auswirkung von Künstlicher Intelligenz (KI) auf die Berufsberatung und -orientierung.

Prof. Dr. Dennis Mocigemba von der HdBA - Hochschule für Angewandte Arbeit Mannheim eröffnete am ersten Tag das CBS mit dem Keynote-Vortrag: „Mediatization of Career Counselling

Zunächst stellte er in einem Vortrag dar, in welcher Form Kommunikationstechnologien bereits Einzug gefunden haben in die Arbeitsabläufe der Berufsberater. Hierbei differenzierte er zwischen Digitalisierung im Rahmen der KI und die Nutzung von Medien. Digitale Medien wurden und werden in der Beratung schon lange genutzt. Digitale Instrumente in Form der KI sind nun neu hinzugekommen. Dabei ging er auch ein auf die Vor- und Nachteile und die speziellen Anforderungen, die die Nutzung von KI-Programmen wie Chat-GPT etc. mit sich bringen und wie dies auch das Verhältnis zwischen Klienten und Beratern prägt und verändert.

Um die Besonderheiten und Stärken der persönlichen Beratung im Gegensatz zu der KI-basierten Berufsorientierung darzustellen, wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgefordert, in Kleingruppen sinnbildlich durch die Zusammenstellung von Figuren bzw. Gruppenbildern Begriffe darzustellen, die das Besondere der persönlichen Beratung im Gegensatz zur Nutzung von KI ausmachen. Es entstanden dabei Figuren und Sinnbilder wie „Vertrauen“, „Offenheit“, „Lotsenfunktion“ etc.

Foto des aufgeführten Soziodramas im Rahmen des CBS 2026 in Budapest. Das Foto zeigt Teilnehmende der Veranstaltung während eines Soziodramas (Teil der Agenda) mit den Teilnehmenden.

Anschließend wurden die Workshops besucht, die teilweise parallel stattfanden.

Ich nahm an folgenden zwei Workshops teil: Der Workshop „Digital tools and Career Discovery – Exploring Careers Through Innovation“ wurde von Kollegen und Spezialisten aus Serbien durchgeführt.

Vorgestellt wurden zunächst standardisierte Eignungstests insbesondere für Jugendliche, um deren Persönlichkeitsmerkmale, Interessen sowie kognitive und praktische Kompetenzen zu erfassen. Anschließend wurde darauf eingegangen, wie die Nutzung moderner digitaler Werkzeuge z.B. VR-Brillen die Berufsberatung und -orientierung verändern kann. Ziel ist es, solche Instrumente zu verwenden, um z.B. Ausbildungsinteressenten einen Einblick in konkrete Berufswelten ermöglichen zu können, ohne selbst in den Unternehmen anwesend sein zu müssen.

Die Besonderheit der Filme, die für die VR-Brillen verwendet werden, ist deren Interaktivität. Die Nutzer sind dadurch in der Lage, Aktionen virtuell ausprobieren zu können.

In dem zweiten Workshop „Enhanced Guidance and Innovative Presentations for Educators and Career Specialists“ befasste sich die Referentin Dace Briede-Zalite aus Lettland damit, wie künstliche Intelligenz die Beratungspraxis, Lehrmethoden und die Berufsberatung junger Menschen in einer zunehmend digitalisierten Welt verbessern kann. Sie ging dabei insbesondere auf Datenquellen von großen Unternehmensberatungen ein, die offen zugänglich sind und ebenfalls als Grundlage für die Berufsberatung genutzt werden können. Zudem wurden virtuelle Messinstrumente präsentiert, um die Auswirkung von Beratung darzustellen und deren Effektivität zu verbessern. Hierbei werden Gespräche aufgezeichnet und dann mit Hilfe von KI analysiert und Ratschläge gegeben, wie man seine Beratung verbessern oder auch anpassen kann. Letztendlich kann man sich durch die KI auch einen Bericht der erfolgten Beratung generieren lassen. Von Seiten der Teilnehmer wurde die Problematik des Datenschutzes thematisiert, die dabei nicht außer Achte gelassen werden darf.

Der Tag schloss ab mit einem Stadtführung durch Budapest, die uns die historischen Seiten der Stadt aufzeigten.

Der zweite Tag startete mit dem Keynote-Vortrag: „Human-Centred Guidance in an AI-Driven Labour Market: New Roles, New Responsibilities“ von Dr. Tibor Bors Borbély-Pecze, Hochschuldozent und Mitglied der ungarischen pädagogischen Gesellschaft.

Sein Vortrag befasste sich mit der historischen Entwicklung der Berufsberatung und die Integration von Künstlicher Intelligenz in Hinblick auf Lernen, Arbeit und Karriereplanung.

In seinem Vortrag legte er dar, dass heutzutage die Nutzung von KI-Instrumenten aus der Berufsberatung und -orientierung kaum noch wegzudenken ist. Insofern sollten diese Instrumente nicht abgelehnt, sondern durch den Berater auch zum Vorteil der Klienten für die Entscheidungsfindung genutzt werden. Eine überwiegende Konzentrierung auf die Möglichkeit, KI in der Beratung zu nutzen, ist jedoch kritisch zu betrachten. Letztendlich ist es für die Berufsberater wichtig, ihren einzigartigen menschlichen Wert – basierend auf ethischem Urteilsvermögen, Empathie und Verständnis – weiterhin einbringen und gleichzeitig KI-Tools effektiv einzusetzen. In dem Vortrag wurden diese Schlüsselkompetenzen genauer beleuchtet und deren steigende Bedeutung für die Berufsberatung bei zunehmender Präsenz von KI-Tools. Die Berufsberatung sollte seiner Ansicht nach nicht der reinen Informationsvermittlung und Beantwortung von Expertenfragen dienen, vielmehr ist es eine Stärke der persönlichen Beratung insbesondere bei den komplexen Übergängen in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt und die Studienwelt unterstützen zu können. Die Keynote plädierte somit für einen menschenzentrierten, wertebasierten Ansatz der sicherstellen soll, dass KI den gesellschaftlichen Zweck der Berufsberatung stärkt, anstatt ihn zu untergraben.

Es folgte die Teilnahme an zwei weiteren Workshops: "From Digital Hobbies to Career Capital: Informal Learning, Transferable Skills and Networks in The Digital World"

Die Referentin Jana Kiralj Lacković ist Mitarbeiterin in der Fakultät für Landwirtschaft der Universität Zagreb.

In dem Workshop standen Hobbys im Mittelpunkt, mit denen man im digitalen Zeitalter zunehmend Kompetenzen und Identitäten entwickelt und Netzwerke aufbaut, die ebenfalls häufig durch KI oder die Nutzung digitaler Medien geprägt werden. Dabei wurden Online-Aktivitäten wie Gaming, Content-Erstellung, App-basiertes Lernen, Online-Communities und kollaborative Plattformen als Beispiele dargestellt. Immer mehr Hobbys sind heute mit der digitalen Welt verbunden, selbst wenn sie rein Offline ausgeübt werden, da ihre Anhänger regelmäßig Teil spezialisierter Online-Communities und Interessengruppen sind. Berufsberater können ihre Klienten dabei unterstützen, Kompetenzen und Netzwerke durch digitale Hobbys zu entwickeln, um diese auf die Arbeitswelt übertragen. Anhand von praktischen Übungen wurde aufgezeigt, wie die Workshopteilnehmer Hobbys als Quelle informellen Lernens, Kompetenzentwicklung und Networking-Möglichkeiten identifizieren und strategisch nutzen können, um die Karriereentwicklung ihrer Klienten zu fördern. Anhand der Recherche eigener Hobbies stellten die Teilnehmer fest, dass selbst vermeintlich typische Offline-Hobbies auch durch die Nutzung von KI oder Digitalen Tools unterstützt werden können. Beispiel: Viele nutzen für die Hobbys Wandern oder auch Reisen spezielle Apps und Tools in der Reisevorbereitung für Wandertouren oder auch Reiseziele.

Der letzte Workshop, an dem ich teilnahm, hatte das Thema: „With or Without You: Do We Still Need Humans in Career Guidance?“

Durchgeführt wurde er von der Schulpsychologin Tatiana Fernandes, die an einer Schule in Portugal arbeitet.

Sie stellte in ihrer Veranstaltung vor, wie im Zeitalter rasanter technologischer Fortschritte in der Arbeitswelt ein schnelles Wachstum von Programmen und Tools stattfindet, die Menschen mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) bei berufsbezogenen Entscheidungen unterstützen sollen. Viele dieser Systeme basieren auf benutzerfreundlichen Oberflächen, die die Interaktion und Beziehung zwischen Berufsberater und Klient simulieren. Sie nutzen ausgefeilte Datenverarbeitungssysteme und Algorithmen, die Informationen wie persönliche Präferenzen, Fähigkeiten, Interessen, Bildungshintergrund, Persönlichkeitsmerkmale und Markttrends integrieren. Angesichts dieses scheinbar vielversprechenden Modells thematisierte die Referentin die Problematik, welche Rolle der menschliche Experte, Psychologe oder Berater in der Berufsberatung überhaupt noch einnimmt. Da der Einsatz von KI und digitalen Hilfsmitteln auch in der persönlichen Beratung kaum noch wegzudenken ist, muss umso mehr der Fokus auf deren kontrollierten, individuellen, ethischen und verantwortungsvollen Einsatz gelegt werden.

In dem Workshop wurden die Teilnehmer angeleitet, im Rahmen von Gruppenarbeiten eine Checkliste zu erstellen, die sicherstellt, dass diese Kernprinzipien eingehalten werden. Hierzu wurden typische Gespräche im Rahmen der Berufsberatung in Einzelphasen zerlegt und geprüft, inwieweit die KI in der jeweiligen Phase gewinnbringend eingesetzt werden kann. Dabei wurde ersichtlich, dass die Rolle des Beraters nach wie vor die entscheidende Rolle spielt und die KI nur als Unterstützung dienen kann.

Mit einem abschließenden Get-together der Teilnehmerinnen und Teilnehmer schloss das diesjährige CBS in Budapest ab.

Wie immer verließ man mit vielen Anregungen für die Berufsberatung und -orientierung das CBS und verabschiedete sich von vielen bekannten aber auch neuen Kolleginnen und Kollegen, die in dem Euroguidance-Netzwerk aktiv sind.

Gruppenbild im Rahmen des CBS 2026 in Budapest im drinnen gelegenen Innenhof des Veranstaltungsgebäudes.

Anmerkung: *Die im Text gewählte männliche Form bezieht sich immer zugleich auf weibliche, männliche und diverse Personen. Auf eine Mehrfachbezeichnung wird zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.

Verfasser: Dominic Erfkamp