KI liefert Ratsuchenden was sie wollen, aber nicht immer was sie brauchen

Ein Artikel von Dr. Tillmann Grüneberg (Berufsberater und Professor für Kommunikation und Beratung)

Künstliche Intelligenz verändert die Berufsberatung und fordert diese heraus, denn sie erfüllt den Wunsch nach schnellen und klaren Antworten. Der Wert einer professionellen Berufsberatung liegt jedoch in auch manchmal unbequemen Fragen.

Bitte nicht noch ein weiterer KI-Artikel, mögen Sie vielleicht denken. Das Thema verfolgt mich in den Medien und auch in vielen Fachdiskussionen, Fachzeitschriften und Fachkonferenzen im Bereich der Berufsberatung ist das Thema omnipräsent. Das hat sicherlich etwas mit dem Hype des Neuen zu tun, wir erinnern uns an die Beiträge zur Videoberatung in Coronazeiten, aber ich denke es steckt mehr dahinter und es lohnt sich weiter zu denken und zu diskutieren. KI, in ihren verschiedenen Formen, vor allem derzeit präsent in Form großer Sprachmodelle, ist gekommen, um zu bleiben. Und sie fordert uns als Berufsberatende gleich mehrfach heraus. Zum einen müssen wir KI-Kompetenz entwickeln, vom technologischen Durchblick für das Verständnis der Limitationen bis hin zum effizienten Prompting maßgeschneidert für unsere Aufgaben. Nur so bleiben wir gegenüber den Ratsuchenden sprachfähig und können KI sinnvoll selbst zu nutzen (gute Beispiele finden Sie auch hier in den Insights von Euroguidance). Und zum anderen stellen wir fest, dass immer mehr Ratsuchende KI für ihre berufliche Orientierung selbst nutzen.

Letztes Jahr habe ich eine kleine Umfrage mit Schülerinnen und Schülern in den letzten Schuljahren gemacht (n=128), darin zeigte sich das etwa die Hälfte schon einmal KI (i.d.R. ChatGPT) für Fragen der beruflichen Orientierung genutzt hat. Sie haben es (bislang?) vor allem als effizientes Rechercheinstrument genutzt, für Informationsfragen (zu Studieninhalten, Tätigkeiten, Finanzierung, Gehalt und Bewerbung) weniger für Entscheidungsfragen wie Passung. Dennoch kann man feststellen das KI so indirekt, als möglicherweise für uns unsichtbarer Dritter auf Beratungsprozesse einwirkt.

Und hier treten wir zusehends in eine gewisse Konkurrenz. Denn Künstliche Intelligenz erfüllt zunächst erstmal die Erwartungen vieler Ratsuchenden: Sie beantwortet Fragen schnell, präzise, verständlich und handlungsorientiert. Wer eine KI nach einer Berufsempfehlung oder Berufswechsel fragt, erhält konkrete Vorschläge und klare Entscheidungsempfehlungen. Die Ratsuchenden bekommen, was sie (vermeintlich) wollen: eindeutige Ratschläge. Doch, so wenden Sie sicherlich schnell ein, ist es denn das, was sie wirklich brauchen? Professionelle Beratung versucht hinter die Frage zu schauen und gemeinsam herauszufinden, was das Anliegen der Ratsuchenden ist. Sie soll befähigen eigene Antworten zu suchen und Entscheidungen reflektiert zu treffen. Dazu irritiert sie, stellt Denkmuster infrage, erzeugt Unsicherheiten und hält diese aus. Sie ist unbequem. Und damit sie es produktiv sein kann, braucht sie eine echte menschliche Beziehung, Interaktion und Resonanz. Empathie, nonverbale Wahrnehmung und die gemeinsame Reflexion biografischer Erfahrungen lassen sich bislang nur begrenzt technisch simulieren. Diese entwicklungsbezogene Beziehungsarbeit prägt den pädagogischen Charakter der Beratung, die auf Anerkennung und kritische Urteilsfähigkeit (Mündigkeit) abzielt.

Überzeugungen die viele Berufsberatende teilen. Und es ist für mich dennoch erstaunlich, wie sicher sich Berufsberatende sind, dass dieser Kern, nicht durch eine auf Fragetechniken optimierte, auf eine gigantische Wissensbasis zugreifende und sehr bald auch auf Emotionswahrnehmung trainierte KI ersetzt werden kann. Die Ergebnisse einer ebenfalls kleinen leitfadengestützte Interviewstudie mit Berufsberater:innen (n=9) aus dem letzten Jahr zeigen, dass KI eher als Ergänzung, nützliches Recherchetool und nicht als Konkurrenz, vielmehr als Entlastung von den Berufsberaterinnen wahrgenommen wird. In Bezug auf ihre Rolle wird herausgestellt, dass Beratung im Kern immer ein zwischenmenschlicher Prozess sei. Ihre Funktion sei die Entscheidungsunterstützung, strukturierende Prozessbegleitung und Unterstützung bei der Selbsteinschätzung.

Doch genau auch dabei wird es sicherlich einen Bereich geben, in welchem KI Beratung ersetzt, aber auch einen Bereich in dem KI und Beratung sich hybrid ergänzen und einen Bereich von Beratung der KI-frei bleiben wird. Derzeit loten viele Projekte aus, wie groß diese Bereiche seinen werden. Anwendungsreif schon jetzt sind Chatbots, die gesicherte Informationen aus Berufsdatenbanken aufbereiten (z.B. AMS Berufsinfomat, BA Berufebot), spannend erscheint auch der Einsatz für Matchingsprozesse (z.B. ThessaAI, SIEH), sowie der Nutzen für die Bewerbungserstellung. Weniger deutlich ist noch, wie KI die Beratungsausbildung (z.B. Virtueller Klient TH Nürnberg) und die Beratung in einem hybriden Setting (z.B. E-KI-B Projekt HdBA, Weber und Ertelt) unterstützen kann.

Eine Antwort ist jedoch klar, ignorieren können wir die KI aus Berufsberatungssicht nicht. Daher ist es wichtig einen aktuelle Projekte und Entwicklungen im Blick zu behalten, die sich KI und Berufsberatung beschäftigen. Einen aktuellen Überblick für Deutschland und mehr zu den genannten Projekten finden Sie hier:

Weber Peter, Grüneberg, Tillmann & Ertelt Bernd-Joachim (2026). Weber P., Grüneberg, T. & Ertelt B.J. (2026). C 2.1. Künstliche Intelligenz in der Berufsorientierung und -Beratung. In Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). (2026). Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026: Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung, S. 370-373.

Dies war also nicht der letzte Beitrag zu dem Thema den sie gelesen haben, bleiben wir gespannt.

Author: Dr. Tillmann Grüneberg, career counselor and professor for communication and counseling